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Regional. Saisonal. Egal?

Leistet der regionale und saisonale Einkauf einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz?

Ein Beitrag unserer Ernährungsexpertin Marina Schmidt. 

Wenn ich durch die Obst- und Gemüsegänge meines Supermarktes gehe, sind die Regale meist mit den verschiedensten Sorten prall gefüllt: Avocados, Tomaten, Erdbeeren, Äpfel, Limetten, Mangos, Ananas, Lauchzwiebeln, Kartoffeln, Paprika. Und das Angebot scheint sich das ganze Jahr über auch nicht groß zu ändern. Bestimmte Jahreszeiten kann ich ebenfalls nicht erkennen. Ich könnte zu jeder Zeit nahezu alles kaufen, auf das ich Appetit habe. Diese Tatsache kann eigentlich nicht gut sein, weder für die Umwelt noch für unseren Körper.

Die ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln (zumindest im globalen Norden) kann weitreichende Folgen mit sich bringen. Welche das sind und ob wir mit dem bevorzugten Verzehr von regionalen und saisonalen Produkten einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz leisten, möchte ich in diesem Beitrag herausfinden.

Von lokal zu global: Landwirtschaft im Wandel

Unsere Welt wird immer schneller, immer vernetzter. Diesen Wandel konnte man in den letzten 70 Jahren auch in der Landwirtschaft sehen. Früher gab es fast ausschließlich kleine, landwirtschaftliche Betriebe und viele Menschen bauten ihr eigenes Gemüse direkt hinter ihrem Haus an. Auf den Märkten gab es nur regionale Produkte, die zur jeweiligen Jahreszeit angebaut und geerntet werden konnten, Fleisch und Fisch galten als Delikatesse und landeten deshalb eher selten auf dem Teller.

Heute ist die Landwirtschaft eine globale Industrie mit riesigen Agrarfabriken, die maximale Produktion zu möglichst geringen Kosten zum Ziel hat. Die Folgen dieser Entwicklung bekommen wir zu spüren, nur eben nicht alle im gleichen Ausmaß: Waldrodungen, Treibhausgase, Verlust der Bodenfruchtbarkeit, Überdüngung, Grundwasserbelastung, Verlust der Artenvielfalt, Wasserknappheit – nicht zu vergessen die sozialen Folgen.

Zum Status Quo der Umweltauswirkungen von Lebensmitteln und Landwirtschaft:

  • Mehr als ein Viertel (26 %) der globalen Treibhausgasemissionen entfallen auf die Ernährung (1);
  • Die Hälfte des bewohnbaren (eis- und wüstenfreien) Landes der Welt wird für die Landwirtschaft genutzt;
  • 70% der globalen Süßwasserentnahmen werden für die Landwirtschaft verwendet (2);
  • 78% der globalen Ozean- und Süßwasser-Eutrophierung (die Verschmutzung von Wasserwegen mit nährstoffreichen Schadstoffen) wird durch die Landwirtschaft verursacht (3);
  • 94% der Säugetier-Biomasse (ohne uns Menschen) ist Viehbestand. Das bedeutet, dass die Nutztiere die wildlebenden Säugetiere um den Faktor 15 zu 1 überwiegen (4). Von den 28.000 Arten, die auf der Roten Liste der IUCN als vom Aussterben bedroht eingestuft werden, sind 24.000 durch Landwirtschaft und Aquakultur gefährdet. (5)

Für die Herstellung unserer Nahrung braucht es verschiedene Ressourcen wie Wasser, Boden und Energie, dazu kommen noch Produktion, Transport und Vermarktung. All diese Faktoren zusammen bilden am Ende den CO2-Fußabdruck eines Lebensmittels. Doch die ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen unterscheiden sich stark, je nachdem, welche Lebensmittel konsumiert werden. Die Bilanz hängt ab von Art, Menge, Preis, Herstellung und Verarbeitung, Transport, Aufbewahrung und Zubereitung der einzelnen Lebensmittel.

Was wir essen, wo es herkommt und wie es hergestellt wird, spielt also eine sehr wichtige Rolle für unsere Umwelt. Vor allem heute in Zeiten der Klimakrise.

Vorteile von Regio- und Saisonalität

Streng genommen ist die regionale Ernährung auch immer gleich eine saisonale, denn in der eigenen Region herrscht immer nur eine Saison. Obst und Gemüse aus der Region, die zur jeweiligen Jahreszeit geerntet werden, bringen einige Vorteile für unsere Gesundheit, die Wirtschaft und auch für die Umwelt:

  • Durch kürzere Transportwege gibt es einen geringeren Schadstoffausstoß
  • Durch den Freilandanbau entsteht ein geringerer Energieaufwand
  • Kleine und mittlere, regionale Betriebe werden gestärkt
  • Wir sorgen für Abwechslung im Speiseplan
  • Wir konsumieren frischere & nähstoffreichere Lebensmittel
  • Die Wertschätzung und das Bewusstsein für unsere Nahrung steigen
  • Wir erzeugen mehr Transparenz in der Nahrungskette

Zudem kannst Du lokale Märkte besuchen oder Gemüse / Obst Abo-Kisten von lokalen Anbietern kaufen. Durch diese beiden Optionen kommst Du auf jeden Fall in den Genuss von saisonalen und regionalen Nahrungsmitteln.

Doch würde es unter Umwelt- und Klimagesichtspunkten überhaupt einen Unterschied machen, wenn ich meinen Fokus rein auf regionale und saisonale Lebensmittel lege?

Ja und nein.

Lokal zu essen hätte nur dann einen signifikanten Einfluss auf Umwelt und Klima, wenn der Transport für einen großen Teil des endgültigen CO2-Fußabdrucks der Lebensmittel verantwortlich wäre. Bei den meisten Lebensmitteln ist dies jedoch nicht der Fall.

Der Transport der Lebensmittel trägt nur wenig zu den Emissionen bei, bei den meisten Lebensmitteln macht er weniger als 10 % aus. Und nicht nur der Transport, sondern alle Prozesse in der Lieferkette, nachdem die Lebensmittel das Feld oder die Fabrik verlassen haben, also Verarbeitung, Transport, Einzelhandel und Verpackung - machen meist nur einen kleinen Teil der Emissionen aus.

Der Hauptteil der Emissionen entsteht durch die Landnutzung (z.B. Waldrodung) und das Bewirtschaften der Flächen (z.B. Düngung, Methanausscheidung oder Maschinennutzung).

Was heißt das für meinen Einkauf?

Regionale und saisonale Lebensmittel bringen Vorteile mit sich, wie zum Beispiel weniger CO2 Emissionen, frischere und gehaltvollere Lebensmittel oder eine Stärkung der kleinen Betriebe. Daher ist es wichtig darauf zu achten und wo es möglich ist, auch darauf zurückzugreifen.

Aber darüber hinaus kannst Du einen größeren Unterschied bewirken, indem Du dich darauf konzentrierst, was Du generell isst, anstatt "nur lokal zu essen". Wenn Du weniger Fleisch und Milchprodukte zu Dir nimmst – kurz, wenn Du auf pflanzliche Alternativen umsteigst - könntest Du Deinen ernährungsbedingten CO2-Fußabdruck deutlich stärker reduzieren und damit einen noch größeren Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz leisten.

QUELLEN:

(1)       Poore, J., & Nemecek, T. (2018). Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers. Science, 360(6392), 987-992.
(2)       FAO. (2011). The state of the world’s land and water resources for food and agriculture (SOLAW) – Managing systems at risk. Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rome and Earthscan, London.
(3)       Poore, J., & Nemecek, T. (2018). Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers. Science, 360(6392), 987-992.
(4)       Bar-On, Y. M., Phillips, R., & Milo, R. (2018). The biomass distribution on Earth. Proceedings of the National Academy of Sciences, 115(25), 6506-6511.
(5)       Die Anzahl der bewerteten und vom Aussterben bedrohten Arten auf der Roten Liste der IUCN finden Sie in deren zusammenfassenden Statistiken hier .
Im Jahr 2019 waren 28.338 Arten als vom Aussterben bedroht gelistet. Die Arten können in der Suchfunktion der IUCN hier nach Bedrohungskategorien gefiltert werden. 

Weiterführende Informationen: https://ourworldindata.org/food-choice-vs-eating-local