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Ich denke, also kauf' ich.

Wieder einmal nehme ich mir vor, in diesem Monat weniger zu kaufen. Was brauche ich schon – schließlich ist noch immer Corona, noch immer Lockdown und ich sitze noch immer zu Hause. Doch meiner Liebe zum Konsum scheint das keinen Abbruch zu tun. Zwar brauche ich kein neues Outfit für den Gang ins Büro, aber vielleicht ein neues Buch, eine neue Yoga-Leggins, einen Hula Hoop Reifen (ja, der Trend ist nun auch bei mir angekommen) und eventuell noch diese tolle kleine Tasche, in die mein Smartphone so perfekt passen würde.

Natürlich wurden so gut wie alle Produkte auf meiner Liste verantwortungsvoll und unter fairen Bedingungen produziert, doch die Menge an neuen Dingen, die sich Monat für Monat in mein Leben schleicht, widerstrebt dem nachhaltigen Gedanken, der ihren Kauf begleitet, leider trotzdem.

Der Default Wert unseres Verhaltens ist so gut wie immer Passivität. Entscheidungen und Handlungen, die mit einem Fuß in der Komfortzone getroffen werden, bedeuten oft das Gegenteil von Veränderung, sind häufig zu kurz gedacht und quasi immer egoistisch. Ein typischer Komfortgedanke wäre beispielsweise: Warum soll ich damit beginnen mich einzuschränken, wenn ich doch einfach alles nachhaltig kaufen kann?! 

Der aktive Gedanke wäre wohl eher: Weil ich genau weiß, welche Auswirkungen übermäßiger Konsum auf das Klima hat, darf ich meine Komfortzone langsam verlassen und Verantwortung übernehmen, anstatt noch immer halb blind auf die „Buy Now“ Taste zu klicken, solange daneben das Wort „nachhaltig“ steht.

Noch immer irgendwie mit den Gedanken bei der niedlichen Yoga-Leggins, stellt sich mir die Frage, warum ich eigentlich meinen Verstand habe, wenn auf die meisten Informationen, die ich ihm zur Verfügung stelle, keine Anpassung meiner Handlungen folgt?!

Daniel Kahneman (Psychologe und Nobelpreisträger im Bereich der Wirtschaftswissenschaften) beschreibt in seinem Buch „Thinking, fast and slow“ zwei Arten, auf denen es uns Menschen möglich ist, zu denken. Das langsame Denken ist im Laufe der Evolution entstanden und zeichnet sich vereinfacht gesagt durch sein analytisch-logisches Vorgehen aus. Wir müssen es bewusst aktivieren und es benötigt ziemlich viel Energie, weshalb wir tunlichst versuchen, es zu vermeiden. (Ist halt mühsam und unbequem!)

Das schnelle Denken dagegen passiert vorwiegend instinktiv und unbewusst. Es arbeitet ständig und bietet uns (vereinfacht gesagt) simple Lösungsvorschläge, basierend auf dem Erkennen von Mustern und dem Wiederholen von (positiven bzw. nicht tödlich ausgegangenen) Erfahrungen. Kein Wunder also, dass es mir so leicht fällt, gedanklich und körperlich immer wieder auf meine bequeme Couch zurückzukommen, schließlich ist die einzige Gefahr, die mir hier droht, der nächste Cliffhanger bei Stranger Things.

Ok, mein Gehirn hat also wenig Lust auf Veränderung und sehnt sich nach schnellen, möglichst einfachen Antworten, um Energie zu sparen. Verstanden. Deswegen lässt es sich leicht davon überzeugen, dass der Kauf einer nachhaltig produzierten Tasche positive Auswirkungen auf den Klimawandel hat, anstatt zu reflektieren, ob überhaupt eine neue Tasche notwendig ist, wenn ich durch den Lockdown sowieso kaum das Haus verlasse. Auch das klingt logisch. Doch hier fängt das Problem ja eigentlich erst an, denn wirklich einfache Antworten, die das Potenzial haben, positive Veränderung nach sich zu ziehen, gibt es in unserer Welt doch nun wirklich selten - gerade, wenn wir vom Klimawandel sprechen.

Glücklicherweise ist keiner von uns gezwungen, die Klimakrise allein zu stemmen, denn wie das so ist mit Veränderungen, erreichen wir Ziele bekanntlich am besten mit vielen kleinen Schritten. Und da wir viele kleine Menschen auf dieser Erde sind, die so gut wie alle einen Teil zum Problem beigetragen haben, können wir auch alle Teil der Lösung sein und beispielsweise beim nächsten Kaufimpuls etwas länger überlegen, ob wir den Hula Hoop Reifen nun wirklich brauchen. Also lasst uns Energie investieren, unser langsames Denken anschmeißen und endlich den Kopf aus der Sofaritze ziehen!